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Die Loci dienen aber nicht nur zur Befragung einer aktuellen Person oder Sache, sondern stellen auch eine Erinnerungshilfe dar, eine Systematik, die das Gelernte in der Erinnerung zugänglich macht. Denn der Redner muß in der konkreten Redesituation alles präsent haben, was sich zu einer Sache allgemein sagen läßt.
Da sich die Redesituationen allerdings wiederholen, so lassen sich auch die Argumente wiederholt vortragen. So wurden in den Redeschulen zu bestimmten »typische Argumente« (Dyck 1996: 1847) zusammengestellt, die nun jederzeit für unterschiedliche konkrete Fragen zur Verfügung standen. So konnten etwa Argumente für wiederkehrende juristische Fälle gesammelt werden: Ehebruch, Diebstahl etc.
Im Humanismus entwickelte sich diese Technik zu einer umfassenden Verzettelungstopik. Unter allgemeinen topischen Obergegriffen wurden Lesefrüchte gesammelt, die für eigene Arbeiten als Belegstellen, illustrierende Beispiele und klassische Argumente dienen konnten.
Der Humanist war auf seine Lesefrüchte, die er in Loci-communes-Hefte eintrug, an-gewiesen, brauchte er doch das Wort der Autoritäten zum Beweis einer These, zur Unterstützung der eigenen Aussage oder als schmückendes Zitat. [Dyck 1996: 1850]
So entstanden zahllose Sammlungen denkwürdiger Stellen, sogen. »Florilegien«, aber auch Emblembücher, biblische Iconographien, Pflan-zenbücher mit entsprechenden Sinnsprüchen etc. Der Gelehrte des 17. Jahrhunderts wurde zum Sammler und Ordner der klassischen Quellen, zum enzyklopädisch arbeitenden Polyhistor.
Florilegien und poetische Schatzkammern gehören zu seinem unentbehrlichen Handwerkszeug. Sie versorgen ihn mit passenden Sentenzen, über die er nach Maßgabe ihres exemplarischen Wertes frei verfügt. [Dyck 21969: 8]
Ein Beispiel wäre etwa das »Florilegium politicum: Politischer Blumen-garten« (Lübeck 1639) von Christoph Lehmann, welches »Außerlesene Sententz/ Lehren/ Reguln und Sprichwörter« zu verschiedensten alphabetisch geordneten Begriffen enthält, die der Herausgeber aus den Schriften bekannter Theologen, Juristen, Staatsmänner, Historiker, Philosophen und Poeten zusammengetragen und um eigene Erfahrun-gen vermehrt hat.
Die Suche nach den passenden Argumenten ist jeweils parteiisch. Sie ordnet sich dem Redeziel unter. Wer in Lehmanns »Florilegium« unter einem Stichwort sucht, findet dort die widersprüchlichsten Zitate etc. So gibt es unter dem Stichwort »Trunckenheit« sowohl Argumente, die sich gegen den Alkoholgenuß wenden, als auch solche, die ihn noch befördern sollen.
30. […] Es ist keine Freundschafft / wenn man ein verständigen Freund zu sich bekompt/ vnd schickt ein Narren w[i]eder heim. 31. Fisch haben gut leben/ sie trincken wenn sie wollen. […]. 37. Ein guter trunck/ macht alle Leut jung. [Lehmann 1639: 764f.]
Der Redner wird so in unterschiedlichsten Redesituationen unterstützt. Er kann unter dem Stichwort Argumente von hoher allgemeiner Ak-zeptanz finden sowohl für die Rede auf eine trinfreudige Gesellschaft als auch für die moralische Zurechtweisung allzu trinkgewohnter Mitmenschen.
Die richtige Wahl wird nicht nur durch das konkrete Redeziel be-stimmt, sondern auch von der Art der Rede. Der Redner muß also bereits wissen, ob er das Publikum belehren (docere), unterhalten (delectare) oder mitreißen (movere) will.
Eine besondere Bedeutung gewinnt die Topik auch in der frühneuzeit-lichen Dichtung als Mittel der »Amplifikation« (Dyck 1996: 1849). Denn nicht nur Argumente zu einzelnen Redegegenständen konnten gesammelt werden, sondern alle Dinge, die sich über einen Begriff sagen lassen.
So wurden Sammlungen aufgestellt, in den die Adjektive aufgelistet werden, die bei bestimmten Substantiven stehen können; man legte Sammlungen an, welche unterschiedliche übertragene Bedeutungen der Begriffe oder typische Redewendungen verzeichneten, in denen die Begriffe vorkamen. Definitionen, Paraphrasen, bildliche Umschreibungen etc. der Begriffe wurden so zu Listen gefügt.
Der Barockdichter Georg Philipp Harsdörffer etwa verfaßte eine ganze Reihe solcher Hilfswerke, in denen unterschiedliche Inhalte systematisch aufbereitet wurden.
458. Threnen.
Die Threnen sind die hellen Perlen/ die stummen Zungen/ der verwundten Hertzenblut/ der Liebe Zinßtribut/ die Triffte der betrübten Siñen. Der Augen trübe Nacht/ die Quellen des Verlangens/ die gleich den hellen Flüssen/ sich aus der Augenstrand schnell Wangenab ergiessen/ ohn Damm und Aufenthalt betrucknet von der Zeit. Wasser so der Schmertzen destilliert/ das auf die Erden fällt und gegen Himmel schreyt. Eine Sache bezähren. Die südheissen Threnen vergiessen. Wann man für die Leide nicht zu Leuten gehen mag. Die silberthrenen triefen Wangen ab/ in Zehren sich verzehren/ die Hertzensschmertzen nehren.
Die Threnen haben die Deutung der Traurigkeit und Betrübniß.
[Harsförffer: Poetischer Trichter, 450.]
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