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"Mimische Gesten gehören nicht auf die Kanzel, weil sie unvermeidlich karrikieren."
(Johannes Gottschick 1908)


 

 


Pronuntiatio & actio

 

Die letzte Phase betrifft schließlich den öffentlichen Vortrag selbst und behandelt das physische Auftreten des Redners, seine Gestik und Mimik, durch die er seine Glaubwürdigkeit und Integrität unterstreicht. In der Frühen Neuzeit wurde differenziert:
pronuntiatio – stimmlich
actio – körperlich (Gestik, Mimik).

Der Vortragskunst wurde durchaus eine große Bedeutung zugesprochen, und schon Cicero erkannte, daß ein mittelmäßiger Redner durchaus durch eine hervorragende Vortragstechnik mehr erreichen könne, als ein nur in den übrigen Bereichen hervorragender Redner, der seine Rede jedoch nicht entsprechend zu halten vermag. (Vgl. Cicero, De orat III,213).

Unter diesen Bereich in der Rhetorik fallen etwa Sprechanweisungen, die zunächst die genügende Lautstärke und Klarheit der Aussprache fordern und dann auf die korrekte Satzbetonung eingehen (Fröhliches fröhlich, Trauriges traurig; Pause nach Punkt etc.).

Der Bereich der pronuntiatio (und actio) wird in der Rhetorikgeschichte gerade bei einem Rückgang der institutionalisierten wissenschaftlichen Rhetorik und verbindlicher Formen der Redeproduktion zunehmend selbständig behandelt und prägt eigene Lehrwerke und Fachbildungen wie die allgemeine Sprecherziehung oder praktisch orientierte Ein-übungen zum Sprechen im öffentlichen Raum (‘Vortragskunst’). Die actio schließlich umfaßt die gesamt körperliche Beredsamkeit, und ihre Lehren hatten prägenden Einfluß auf die Entwicklung der Schauspielkunst. Schon im 17. Jh. war das Schultheater als Übungsanstalt für die in rednerischem Auftreten und höfischer Gewandtheit zu unter-weisenden Zöglinge üblich. Dabei ist das Ziel der Schultheaterausbildung wie überhaupt der Lehren zur Ausführung des Vortrags auch das Erlernen einer angemessenen Gestik und Mimik, welche dem Status des Redners, dem Anlaß und Ort der Rede sowie vor allem dem Inhalt entsprechen müssen.

Für den Prediger halten etwa Johannes Gottschick oder Hermann Hering am Anfang des 20. Jahrhunderts übereinstimmend fest, daß die Gestikulation auch der »Würde« des Predigers (Hering 1905: 581) entsprechen und dessen innere Überzeugung, sein »Fühlen und Wol-len« (Gottschick 1908: 109), ausdrücken müsse: »Vorraussetzung ist eine ruhige und würdige, aber nicht steife Grundhaltung des Körpers« (Gottschick 1908: 109). Zur Mimik betont Gottschick: »Mimische Gesten gehören nicht auf die Kanzel, weil sie unvermeidlich karrikieren [!]« (ebd.).