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Die inventio bezeichnet die Kunst und Lehre, die spezifischen Merkmale, Argumente eines allgemeinen Redegegenstandes zu finden. Zunächst stellte sie im Kontext der antiken Gerichtsrede denjenigen Ar-beitsschritt dar, der dazu dienen sollte, im Rahmen der juridischen Argumentation (argumentatio) über den zu verhandelnden Fall adäquate und plausible Argumente zu finden; bald wurde sie zur Lehre überhaupt der ‘Erfindung’ von Redeinhalten.
Den eigentlichen Anlaß und Gegenstand der Rede braucht der Redner zumeist nicht zu suchen, denn die gesellschaftlichen Anlässe wie Hochzeiten, Trauerfälle, Auszeichnungen usf. stellen sich dem Redner von selbst. Wenngleich der Redner sich auch selbst Themen stellen kann, so ist doch jeweils durch die eigene Neigung, sich zu einem Thema zu äußern, oder den sozialen Anlaß das wesentliche Aus-gangsmoment der rhetorischen Arbeit vorgegeben:
Man erwehlet sich eine Materie zu reden und zu schreiben entweder bloß nach sei-nem Gefallen 1), oder nach einer gewissen, von besonderen Fällen, die in der Kirche, Republik und dem gemeinen Leben sich ereignen, an die Hand gegebenen Gelegenheit 2). [Hallbauer 1725: 249]
Für den in einer bestimmten öffentlichen Position stehenden Redeverpflichteten kann es peinlich sein, einen solchen Redeanlaß nicht wahrzunehmen und zu meistern. In Zeiten, zu denen die öffentliche Rede in einem festen sozialen und institutionellen Rahmen ihren zeremoniellen und rituellen Ort hat, sind mit den unterschiedlichen Typen der Rede-anlässe häufig auch tradierte Redemuster (Hochzeits-, Trauer-, Krönungsrede etc.) verbunden, die dem Redner durch spezifische Anfor-derungen an den Redestoff die Arbeit der Materialsuche bedeutend erleichtern. Denn die regelmäßige Wiederholung der Anlage und Funktion solcher Reden lässt sich zugleich als heuristisches Instrument für die Auffindung der inhaltlichen Punkte nutzen.
Wenn also die Trauerrede typischer Weise das Lob des Verstorbenen, die Trauer um ihn und die Tröstung der Angehörigen sowie den Dank an die Begleiter der Trauerfeierlichkeit zum Gegenstand hat, so kann der Trauerredner sich bereits von diesen Aufgaben und der Anordnung der Teile bei der Suche nach Redeinhalten leiten lassen, denn er wird sich fra-gen, welche Aspekte er zum Lob des Verstorbenen beitragen kann, worin der konkrete Anlaß der Trauer besteht, mit welchen Argumenten er den Trost der Angehörigen herbeiführen kann und welche Anstrengungen (Beistand, Reise, Absage anderer Verpflichtungen) die Anwesenden auf sich genommen haben, um der konkreten Feier bei-zuwohnen.
(Für einige Textformen wie etwa den Brief entwickelten sich so feststehende Aufbauschemata, die mit fertig ausgeführten Textbausteinen gefüllt werden konnten und dadurch eine eigentliche inventio überflüssig machten; Kienpointner 1998: 570).
Dieses Ineinandergreifen der Meditation über die Redegegenstände und über die Struktur der Rede zeigt zugleich, daß die einzelnen Arbeitsschritte nur in der Theorie voneinander getrennt werden können. In der Praxis gehen sie Hand in Hand.
Im Rahmen der inventio bilden also nicht die Redeanlässe, sondern die Besonderheiten des konkreten Falles das eigentliche Problem des Redners. Um sich diesem Problem zu stellen, hat die klassische Lehre eine eigene Findetechnik entwickelt: die Topik.
Bei der inventio wird bereits deutlich, warum einerseits die Rhetorik-lehrer vom Redner ein besonders breites Wissen forderten und war-um andererseits die Rhetorik bis ins 18. Jh. als eine Grundlagentechnik für die weitere akademische Ausbildung galt. Die inventio erfordert vom Redner zunächst die auf breitem Allgemeinwissen beruhende Fähigkeit, den Gegenstand – etwa einen juristischen Fall – in seiner Bedeutung einschätzen und die wichtigsten Punkte erkennen zu können.
Doch nicht sämtliche gefundenen Materialien können in die Rede integriert werden:
"Denn man darf nicht alles sagen, was einem in den Sinn kommt, ob es schon zur Materie gehöret, weil man so auf eine verdrießliche und zum endzweck nicht dienliche Weitläufigkeit gerathen würde. Also gehöret zur Erfindung nothwendig die kluge Wahl mit, da man dasjenige auslieset, welches sich zum Endzweck schicket" [Hallbauer 1725: 246]
Ebenso wie die Beachtung der Rededisposition bereits Hilfestellungen zur inventio geben kann und bei dieser zu berücksichtigen ist, muß der Redner auch die Auswahl der gefundenen Aspekte durch die Berücksichtigung ihrer Funktion in diese Produktionsphase einbeziehen. Der Redenschreiber hat in der Phase der Stoffindung bereits zwei Aspekte zu berücksichtigen, welche ihm helfen, den vielfältigen Vorrat an Argumenten oder Informationen einzuschränken:
1. die interne Funktion innerhalb des Aufbaus der Rede (bestimmte Dispositionsschemata geben spezifische Fragemuster vor; z. B. Chrie!).
2. die externe Funktion im Hinblick auf das erwünschte Redeziel, das heißt die erwünschte Wirkung der Rede.
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