"Eine gute Disposition aber ist diejenige, wel-che die Gedancken in einer natürlichen Ordnung vorträgt, die von der Materie selbst an die Hand gegeben, oder nach der klugen Absicht erfordert wird"
(Friedrich A. Hallbauer)
 

 


Dispositio

 

Die Aufgaben, die der Redner im Rahmen der dispositio zu bewältigen hat, sind zum einen die Anordnung der »Erfindungen« nach dem Struktuschema der Rede, welches von der Redegattung bestimmt wird. Zum anderen muß auch hier bereits der Blick auf das Redeziel gelenkt werden, denn der Redner hat die Argumente so anzuordnen, daß sie in bestmöglicher Weise das angestrebte Redeziel befördern und die bestmögliche Wirkung entfalten können.

Cicero etwa unterscheidet in Bezug auf die juristische Rede zwischen geeigneten, schlagkräftigen Argumenten und solchen, die eher von sekundärer Bedeutung sind. Er empfiehlt dem Redner, die schlagkräftigen Argumente an jene Stellen der Redezu setzen, an denen die Aufmerksamkeit der Zuhörer am größten ist: an Anfang und Ende der Rede. Die anderen Argumente sollen dazwischen plaziert werden. Sonst könnte die relative Unwichtigkeit dieser Argumente dazu führen, daß der ganze Redegegenstand als wenig bedeutsam angesehen wird. Dadurch würde das Desinteresse der Zuhörer gefördert und die Wirkung der Rede bliebe gering.

Bedeutung hat so die dispositio sowohl für den Redner, der seinen Stoff, seine Argumente nach einer entweder tradierten und vorgegebenen oder nach einer aus der Sache selbst erwachsenen Ordnung einrichten kann, als auch für den Zuhörer, der durch die gute und durchsichtige Ordung des Vortrages in seiner Aufnahme der rede gelenkt und so in seinem Verstehensprozeß unterstützt wird. Eine gute Ordnung erleichtert jedoch nicht nur das Verstehen, sondern trägt – wie Hallbauer bemerkt – etwa durch den erweckten Eindruck der Gründlichkeit auch zur Überzeugungskraft der Rede bei: »Also unterrichtet niemand, als wer ordentlich lehret« (Halbauer 1725: 392).

Grundlegend ist entsprechend die Forderung nach einer logischen, ko-härenten Gedankenführung, während die tradierten Ordnungs-schemata – wie sie der schulische Rhetorikunterricht bot – in der Rede- und Schreibpraxis durchaus zugunsten einer Anordnung ver-nachlässigt werden können, welche sich aus der Systematik der Materie selbst ergibt: »Eine gute Disposition aber ist diejenige, wel-che die Gedancken in einer natürlichen Ordnung vorträgt, die von der Materie selbst an die Hand gegeben, oder nach der klugen Absicht erfordert wird« (Hallbauer 1725: 396).

Die Orientierung nach der Ordnung der Materie selbst bedeutet freilich nicht ein Absehen von dem rhetorisch Zweckdienlichen. Die Disposition dürfe zwar nicht als schulrhetorische »Zwangsjacke« gebraucht werden, aber eine gewisse rhetorische Ordnung ist einfach notwendig, um das Ziel erfolgreich zu erfüllen: »Wer aber die einfachste logische Zucht sich nicht will gefallen lassen, in der Meinung, das Genie brauche solches nicht, der ist auf gutem Wege, der Zwangsjacke zu bedürfen« (Hagenbach 1863: 115).

Eine solche Minimaldisposition besteht in der auch aus dem Schulauf-satz bekannten Dreiteilung: Anfang – Mitte – Schluß:

Die alltägliche Rede im gemeinen Leben folgt unbewußt demselben Gesetze. ‘Man fällt nicht mit der Tür ins Haus.’ Man versetzt den, den man anredet, kurz in die Stimmung, und Gehör zu geben, trägt ihm das Nöthige vor und wirkt dann schließlich auf ein Resultat hin. [Hagenbach 1863: 116]

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Die Rhetorik unterscheidet eine vorausgesetzt natürliche Ordnung der Dinge (ordo naturalis) von Abweichungen (ordo artificialis), das heißt eine offene und durchsichtige Ordnung von einer kunstvollen und vielleicht nicht gleich durchschaubaren.

Als eine natürliche Ordnung gilt die Abfolge von Einleitung, Gegenstandsbeschreibung, Beweisführung und Schlußfolgerung. Die natürliche Ordnung kann aufgefaßt werden als erwartbare Dispositionsnorm einer Redegattung, während die künstliche Ordnung jede Abweichung vom erwarteten Aufbaubezeichnete.

Es ist aber auch möglich, als natürliche Ordnung einen Aufbau anzusehen, derselbst aus dem Gegenstand folgt, während ein artifizieller Aufbau den Gegenstand unter sekundären Gesichtspunkten betrachtet.

Ein Beispiel: Ein Reisender hat ein fremdes Land gesehen und möchte nach seiner Rückkehr das Gesehene und seine Ansicht über das Reiseland in einem Buch darlegen. Folgte er nun einer aus der Sache selbst (der Reise) abgeleiteten Ordnung seiner Beobachtungen, so könnte er ein Reisetagebuch vorlegen, das chronologisch seinen Reiseweg zeigte (ordo naturalis = temporalis, chronologische Folge). Er könnte sich jedoch auch von den Ordnungsschemata der Landeskunde und Geographie leiten lassen und seine Beobachtungen so systematisch darbieten (ordo artificialis, systematische Aufbereitung).